Viel T - wenig online

Januar 1996 - das ist gar nicht so lange her. Doch das Internet war damals im Kleinkindalter. Ich wagte damals die ersten Schritte vom heimischen PC und verfasste die folgenden Zeilen, die inzwischen eher aus historischer Perspektive interessieren dürften.

Die Telekom erklärt, sie sei fertig zum Abheben. So zumindest lautet der Slogan. Wer heute zeitgemäß einkaufen, Briefe schreiben, über etwas diskutieren oder Bankgeschäfte erledigen möchte, der muss ins Netz. Das ist keine Frage. Doch weil es immer noch Zweifler an der digitalen Zukunft gibt, haben sich die von der Telekom engagierten Agenturen ins Zeug gelegt, um allen Menschen in nimmerendenden Wortschlangen mitzuteilen, dass sich mit T-Online "Türen in eine fantastische Zukunft" eröffnen. Mag sein. Nur, wie sieht es denn mit der Gegenwart aus?

Ich habe mir etwas Zeit mitgebracht und starte einmal wieder die neue T-Online Software. Bereits jetzt offeriert eine übersichtliche Windows-Oberfläche mit vielen schönen Symbolen zum Anklicken die enormen Möglichkeiten, die Deutschlands größtes Online-Netz bietet. Natürlich darf das große, magentafarbene T in der Bildschirmmitte nicht fehlen. Die Oberfläche suggeriert ein Maß an Bedienerfreundlichkeit, mit dem jeder technisch noch so Unversierte sofort zurechtkommen kann.

Das motiviert mich zur Anwahl. Die Leitung steht sofort. Für wie lange wird sie diesmal halten? Manchmal klinkt sich das Modem schon als allererste Aktion im Netz einfach wieder aus. Doch diesmal klappt es. Dass das gerade laufende Makro die Begrüßungsseite der T-Online Vermarktungsfirma 1&1 wie immer überschlägt, nachdem sie etwa für eine Viertelsekunde zu sehen war, ist mir egal. Die persönliche Mitteilung, die dort angekündigt ist, entpuppt sich sowieso allzu oft als billiger Werbetrick für ein neues, großes Nachrichtenmagazin, das ich nicht lesen will.

Langsam baut sich das erste Menü auf, Letter für Letter, Zeile für Zeile. Zwar hat mein Anwahlknoten inzwischen 14400 Baud, an der Gemächlichkeit des Bildschirmaufbaus ändert das leider nichts. Schon verschwindet die mühsam aufgebaute Seite für fünf Sekunden. Zuversichtlich nehme ich noch einen Schluck Tee und werde nicht enttäuscht. Die Seite erscheint wieder. Nach einem weiteren Schluck stellt der etwas klobige, blinkende Quadratcursor die Interaktivität des Systems unter Beweis. Mich würde einmal interessieren, ob die E-Mail, die ich mir vor fünf Tagen vom Uni-Computer testweise an meine T-Online Adresse geschickt habe, schon da ist. Also: E-mail Fenster aktiviert, das Symbol "Posteingang" angeklickt. Der Server erklärt, die Verbindung zum E-mail-Rechner werde gerade aufgebaut. Ich stelle mir vor, wie sich in Lichtgeschwindigkeit die großen Rechner in der ganzen Welt verbinden, um meine Mail zu suchen. Nach einer halben Minute stelle ich mir vor, dass genau in diesem Moment bestimmt ganz viele Menschen gleichzeitig an ihre Mail wollen, und dass ich deshalb etwas warten muss. Nach drei Minuten stelle ich mir vor, wie meine Telefonrechnung aussehen wird, wenn ich noch mehr Geduld aufbringe, klicke das Abbruchfeld an und fühle mich an den Tag zuvor erinnert, als genau dasselbe geschah. Ob es daran liegt, dass Deutschlands Monopolkommunikatoinsunternehmen nicht in der Lage ist, die Verbindung zum Internet aufzubauen? Genau das teile mir einst eine Tafel mit, die eine Viertelsekunde stand, bevor das Modem sich ausklinkte.

Aber was brauchen wir das Web, wo die Telekom mit dem bunt bebildertem BTX plus doch einen fast vergleichbaren Standard bietet? Die Meldungen zum Thema "Telekommunikation" interessieren mich. Als sich das Obermenü komplett neu aufbaut, um dann von Untermenü überschrieben zu werden, habe ich keinen Tee mehr, so viele Schlucke musste ich schon nehmen. Eine fantastische Nachrichtenauswahl mit drei Meldungen und einem Forum eröffnen sich. Für ein paar Pfennige pro Minute darf ich die Meldungen auch lesen. Geschickt fragt ein eingeblendetes Fenster, ob beim nächsten Mal überhaupt noch mitgeteilt werden soll, dass die Zusatzgebühr für BTX plus zu entrichten ist. Aber darauf falle ich nicht rein. Ebensowenig wie auf die erste Meldung, die schon wieder irgendwie an die Telekom erinnert. "Skandal", heißt es dort, "Fernsehen wird 1997 teuerer." Interssanter ist da schon die zweite Meldung, die verkündet, das ab sofort jeder User seiner E-mail Adresse einen selbstgewählten Namen geben kann. Zwei Mark wollen die Blutsauger dafür. Egal, darauf habe ich schon gewartet, denn bis vor kurzem konnte mir niemand meine E-mail Adresse in T- Online mitteilen. Das Handbuch behauptet, sie bestände aus Teilnehmerkennung, einem Punkt, der Mitbenutzernummer und der Domäne. Wie soll der durchschnittliche Benutzer nun auf die richtige Version kommen? In der harten T-Online-Realität besteht sie nämlich aus Rufnummer, einem Strich und der Domäne. Zwei wesentliche Unterschiede sind es, die mir auch niemand an der heißlaufenden Service-Hotline 01300190 verraten konnte. Dort war über mehrere Tage besetzt oder eine Ansage teilte mit, dass "dieser Anschluss vorübergehend nicht erreichbar ist" und man es später noch einmal versuchen solle.

Als ich nun wissen will, wie die Adresse zu ändern ist, baut sich ein Teilbildschirm auf. Die Schriftart ist elegant. Sie ist so ganz anders als in den üblichen BTX-Kästen, die in der Windows-Umgebung eine Siebziger-Jahre-Nostalgie- Bildschirmgestaltung verwenden. Leider verschwindet der Bildschirm wieder. Wie gesagt, ist es bei T-Online üblich, dass Bildschirme unvermutet verschwinden, um dann gemächlich wieder aufgebaut zu werden. Unruhig werde ich erst, als mich ein Fenster fragt, ob die Übertragung neu gestartet werden soll, weil ein übertragungsfehler aufgetreten ist. Natürlich soll sie das, doch der Bildschirm bleibt leer. Zwei Minuten halte ich die Durststrecke ohne Erklärungen, ohne Festplattenrasseln und wohl auch ohne Datenübertragung aus. Dann klicke ich das Hauptmenü an, das prompt erscheint. Siehe da, ganz abgestürzt ist das System noch nicht.

Irgendwie steht bei T-Online überall das gleiche. In einem anderen Menü geht es um das E-Mail-Thema, über das ich gerade nicht schlauer werden konnte. Vielleicht klappt es hier? Diesmal stellt sich der Decoder die schwierige Aufgabe, drei Kilobyte an Text zu übertragen. Als ob ich sonst nichts gewöhnt wäre, fragt mich der Server noch, ob acht Sekunden Übertragungszeit in Ordnung seien. Aber klar doch! Es purzeln die Bytes und der Anzeigebalken wächst. 25, 50, 75 Prozent... Geschafft, wenn auch erst nach 30 Sekunden. Macht nichts, nur würde ich jetzt auch ganz gerne den Text zu Gesicht bekommen. Doch nichts passiert mehr. Kein einziges Symbol kann ich mehr anklicken. Der Decoder lässt mich bei 100% erfolgter Übertragung im Regen stehen, bevor er sich ganz verabschiedet. Nach einer Minute macht es klick. Die Lampen des Modems erlöschen. Der Decoder des großen Online-Service tat meinem Computer etwas überaus bedienerunfreundliches an: Er stürzte ab. Die Telekom ist eigentlich zu groß für die Kinderkrankheiten, mit denen sie ihr großspurig angepriesenes Zukunftsnetz in Hülle und Fülle infiziert hat. Wie kommt's? Kam er zu schnell, der Boom der Vernetzung? Sicherlich nicht, denn der Konzern ist schon seit gut 10 Jahren mit BTX in den Startlöchern gewesen. Gerade erst scheint die Telekom sich bewusst geworden zu sein, dass man dort nicht phlegmatisch verharren durfte. T-Online ist ein Riesenbaby, das laufen lernt. Angekündigt wird es allerdings so, als wäre es schon Weltmeister im Sprint.